Wake up!

Die Flüchtlingskrise 2016 war für mich, in Deutschland, nicht greifbar. Für die Situation fehlte mir die Realität, das erlebte Gefühl. Im Frühjahr 2016 reiste ich nach Athen und dokumentierte mit der Kamera mehrere Flüchtlingscamps.

 

Das Camp auf dem ehemaligen Flughafengelände Elliniko hinterlässt bis heute starke Gefühle in mir. Das was dieses Camp von den anderen unterscheidet, sind die vielen Kinder. Vereinzelt kann man in den Zelten auf dem Gelände Erwachsene ausmachen, doch die Kinder, zu meist unbeaufsichtigt, wirken in der Überzahl. Bei meiner Ankunft versammelt sich eine Gruppe von ihnen um mich herum. Sie kreischen, lachen und versuchen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nachdem sich die Aufregung legt, bleiben noch 3-4 Kinder in meiner Nähe und folgen mir, während ich das Gelände erkunde.

 

 

Überall zeigt sich das Bild von Kindern, die sich mit sich selbst beschäftigen.Ein Mädchen aus der ersten Gruppe, von ungefähr 6 Jahren, versucht hartnäckig in jedes meiner Fotos zu springen. Immer wieder bittet sie mich, sie zu fotografieren. Als ich die Kamera auf sie richte, beginnt sie mit einstudierten Posen. Sie fängt an, mir Küsse per Hand zu schicken, auf routinierte Weise zieht sie dabei ihr Kleid hoch und spreizte die Beine. Ich wende mich ab, für einen kurzen Moment spüre ich das schrecklich Böse mit welchem sie in Berührung gekommen ist. Sie rennt auf mich zu, umschlingt mein Bein, dabei streckte sie mir eine Hand entgegen und bittet um Geld.

 

 

Kurz darauf, als ich mich etwas abseits auf einen Straßenrand setzte, kommen zwei Mädchen und zeigen mir, ihre Seil -spring -Künste, Ich klatsche fleißig Beifall. Sie erzählen mir wie sie heißen und wollen mir auch ihre Schwester vorstellen, und verschwinden für einen Moment. Kurz darauf schieben sie ihre kleine Schwester in der Karre zu mir an den Straßenrand. Diese ist gerade 2 Jahre alt geworden erzählen sie mir und verschwinden plötzlich. Das Mädchen in der Karre schaut mich mit großen Augen an. Etwas Zeit vergeht und ich  kann niemanden ausfindig machen, der verantwortlich für die Kleine ist. Nach einer halben Stunde sind die zwei Schwestern plötzlich so schnell wieder da,wie sie verschwunden sind. Das Mädchen in der Karre wirkt, als hätte sie von all dem nichts mitbekommen. Verträumt schaut sie umher. 

 

Diese Situationen bleibt keine Seltenheit in dem Camp. Immer wieder erlebe ich Situationen in denen sich Kinder verhaltensauffällig zeigen. 

 

Ich komme mit einem freiwilligen Helfer ins Gespräch. Er bestätigt meinen Eindruck, dass viele Kinder sexuellen und psychischen Missbrauch auf ihrer Flucht und in den Camps erfahren haben. Viele Kinder sind allein, ohne Begleitpersonen hergekommen oder wurden von ihren Familien getrennt. Fremde Familien geben diese als ihre eigenen Kinder an, um weitere Essensmarken, Decken und Hygieneartikel  zu bekommen. Sie versorgen die Kinder dann mit dem nötigsten aber den Elternpflichten kommen sie nicht nach.  Hinzu kommt, dass die Kinder auf diese Weise nicht als Kinder ohne Begleitperson registriert werden und eine eventuelle Zusammenführung mit der vermissten Familien nicht möglich ist. 

 

 

Einen Monat nach meinem Aufenthalt in Griechenland wird von den Medien aufgedeckt, dass im Stadtteil Alimos, nahe des ehemaligen  Flughafens Elliniko , Flüchtlingskinder zur Prostitution gezwungen werden. 

 

Nachzulesen hier.